Tag 19: Kleine wundervolle Sonntagsbotschaften

Am frühen Sonntagmorgen wurde ich von dem Regen, der auf den Wohnwagen prasselte, geweckt. Das ist so schön, wenn man weiß, dass draußen ein nicht so tolles Wetter herrscht und man selber bequem und weich im Bett liegt. Das sind wunderbare Morgende. Mit diesem Gedanken drehte ich mich auf die andere Seite und schlief noch ein wenig weiter.
Allmählich, als der Regen nachließ, stand ich auf. Ich öffnete die Tür des Caravans und schaute raus, hoch in den Himmel. Es war noch etwas bewölkt, doch weiter hinten klarte es schon wieder auf. Der Wetterbericht hatte gestern Abend versprochen, dass es heute trocken bleiben soll. Ich wollte mich überraschen lassen. ?

Vom Wohnwagen aus schlenderte ich gemütlich mit meinem Kulturbeutel und Klamotten ins Gästehaus, um mich im Gästebad für meine heutige Etappe fertig zu machen. In der Küche wurde bereits gearbeitet und als ich aus dem Bad kam, war im Gemeinschaftsraum der Tisch bereits mit einem üppigen Sonntagsfrühstück für mich gedeckt. Ich war mal wieder im Himmel und wusste gar nicht womit ich anfangen sollte. Es war grandios.
Nun hatte ich einen mehr als vollen Bauch und schaute kurz aus dem Fenster. Plötzlich fing es wieder an zu regnen. Nun gut, dachte ich, dann setzte ich mich halt wieder hin, warte bis es aufhört und trinke solange noch ein Tässchen Kaffee. ?
Nach einer halben Stunde hörte es dann endlich auf zu Regnen. Bevor ich jedoch loszog, öffnete ich noch schnell die heutige Botschaft. Für meine halbjährliche Reise hatte mir meine Mutter eine Karte mit vielen kleinen Botschaften mitgegeben. Jeden Sonntag und Mittwoch darf ein Zettelchen mit einer Botschaft geöffnet werde. Wie ein kleiner Adventskalender. ? Ich war schon ganz gespannt, was mich heute erwarten sollte. Schnell machte ich die Karte und die Botschaft für heute auf. Heute sollte ich das Lied von Xavier Naidoo mit “Ich danke allen Menschen” aufrufen. Ich tat dies direkt und war direkt verliebt in das Lied. Den gesamten Weg über lief das Lied in Dauerschleife und der Blick über die weiten Felder wurden dadurch ganz besonders. Einfach unfassbar, was für einzigartige und einmalige Landschaften man zu Gesicht bekommt. Mehr und mehr fange ich an meine Heimat zu lieben.
Als ich kurz vor Worms war kam mir ein junges Mädel entgegen. Wir lachten uns bereits von der Ferne aus an und winkten uns zu. Servus, sagte sie und wir kamen direkt ins Gespräch. Sie stellte sich mit Laura vor und war auch eine Backpackerin auf dem Weg nach Frankfurt zu ihrer Familie. Sie erzählte, dass sie nie wüsste wo sie am Abend unterkommt. Sie hatte auch ein Zelt dabei. Jeden Abend hält sie daher Ausschau nach einem möglichen Platz und spricht Familien an, die sie trifft und fragt diese, ob sie in deren Gärten mit ihrem Zelt übernachten dürfte. Dies hatte bisher gut geklappt und hatte dadurch bereits ein paar witzige Stories erlebt. Doch Laura musste auch schon ein paar Mal im Wald übernachten. Das fand ich krass und hatte wirklich Respekt. Ich war noch nicht bereit mich einfach mal treiben zu lassen und spontan zu schauen, wo ich Abends unter komme. Ich musste immer noch die Sicherheit haben. Als ich Laura davon erzählte, dass ich so begeistert vom Couchsurfing bin, fragte sie mich, ob ich auch schon bei Männern übernachtet hätte. Na klar, sagte ich. Sie schaute mich verdutzt an und erwiderte, dass sie das beispielsweise nicht könnte, sie würde dann lieber im Zelt schlafen. Irgendwie witzig. ? Zum Abschied hatten wir noch schnell ein Erinnerungsfoto festgehalten und gingen jeder unserer Wege weiter.
Ich kam nun in Worms an und bewegte mich auf die Innenstadt zu. Ich war schockiert. Worms hatte ich mir, wie die anderen Städte zuvor, sehr schön vorgestellt. Doch ich wurde vom Gegenteil überzeugt. Es war dreckig und in fast jeder Ecke war Müll zu finden. Das allerste Mal auf meiner Reise fühlte ich mich sehr unwohl. Auch die Leute, die mir entgegen kamen, waren sehr reserviert und schienen skeptisch zu sein. Ich kam mir vor wie ein Außerirdischer, der gerade gelandet war. Im zügigen Tempo ging ich Richtung Kirche, holte mir meinen Stempel und verbrachte die Zeit auf einer Bank, direkt an dem Dom. Dort fühlte ich mich am wohlsten und sichersten.
Später dann traf ich mich mit Martina an einer Tankstelle, die wir als Treffpunkt ausgemacht hatten. Martina und ich lernten uns über Couchsurfing kennen. Da sie etwas außerhalb von Worms wohnt, hatte sie mir geschrieben, dass sie mich in Worms direkt abholen könnte. Wow, das fand ich wirklich klasse und war natürlich sehr dankbar dafür.
Auf der Fahrt von Worms zu ihr nach Hause lernten wir uns näher kennen. Martina ist eine quirlige, liebenswerte 54-jährige Veganerin (schon seit sieben Jahren), die ich direkt ins Herz geschlossen hatte. Ich liebte einfach ihre Art. Zu Hause bei ihr angekommen erzählte sie mir mehr darüber wie sie Veganerin geworden ist und ich war sehr daran interessiert. Denn ich hatte mich immer schon gefragt, wie das wohl ist seine gesamte Ernährung umzustellen und noch viel mehr. Um einen Eindruck davon zu bekommen, machte Martina mir zum Abendessen eine vegane Currywurst mit Pommes. Zusätzlich gab es auch einen Salat mit veganem Fetakäse. Das war wirklich verdammt gut und ich war begeistert.
Den gesamten Abend verbrachten wir auf der Terrasse und erzählten über viele spannende Themen. Und so kam es auch dazu, dass Martina mir die Geschichte ihrer Tochter (jetzt Sohn) erzählte, wie sie zum Transgender wurde. Ich fand es unheimlich spannend. Ich durfte Martina alles fragen und schätzte ihre Offenheit und Vertrauen, welches sie mir gegenüber schenkte, sehr.
Irgendwann saßen wir im Dunkeln und gingen langsam rein. Ich hätte ihren Geschichten noch stundenlang zuhören können. Doch für heute hieß es nun schlafen gehen. Bevor ich jedoch schlafen ging, schaute ich mir noch ein paar Passagen eines Videos an, welches ich während unseres Gespächs zum Thema Vegan aufgeschnappt hatte. An einigen Stellen musste ich schlucken. Trotz dieser Bilder, versuchte ich zu schlafen und mich auf den nächsten Tag zu freuen.

Einen ganz lieben Dank an meine wundervolle Mutter, für diese tolle Botschaft. ?

Nachfolgend das Video, aus welchem ich ein paar Passagen vor dem Einschlafen geschaut hatte.

Eine Antwort auf „Tag 19: Kleine wundervolle Sonntagsbotschaften“

  1. Das Lied, das Anja heute für Dich ausgewählt hat, passt so, als hätte sie gewusst, was Du heute alles erleben wirst.
    Ich glaube, der lange Jakobsweg lässt offen und tolerant werden für die vielen Facetten der Menschen. Er öffnet die Augen und sensibilisiert für die sozialen Gegebenheiten, in denen Menschen leben oder leben wollen.
    Dein Weg und Dein Bericht bringen mich zum Nachdenken. Danke dafür.
    Gehe behütet weiter.

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